• Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Keilerglück


Nachdem die beiden Auditoren, die zum „finalen Countdown“ unserer betrieblichen Zertifizierungsabnahme für IFS eingetroffen sind und ich sie begrüßt habe, denke ich mir schon früh am Morgen: „Was mache ich, wenn dieser Stress vom heutigen Tage vorbei ist?“ Ich will raus auf den Sau-Ansitz - Und so schicke ich gleich nach der Begrüßung, schon um 8 Uhr morgens, heute, am Mittwoch den 13. Oktober 2010, meinem Revierchef eine Mail mit der Frage auf einen Ansitzplatz für heute Abend. „Setz dich ans Schweineställchen“ kommt die Antwort bereits um 9:56 Uhr per Email zurück, kurz und knapp. Ich wundere mich, denn so kurz angebunden ist Andreas selten, da muss er sich schon ganz sicher sein, denn irgendeine Erklärung für seine Einteilung hat er eigentlich immer?

Auch mich versuchen die Auditoren heute mal wieder auf den Kopf zu stellen und Fragen Dinge wie: „Herr Holzinger, wie messen Sie die Zufriedenheit Ihres Managements und die Ihrer Mitarbeiter - Und mit welchen Kennzahlen arbeiten Sie für deren kontinuierlichen Verbesserungsprozess?“ Nun erkläre ich den etwas englisch aussehenden „Gentlemen“, wie die Praxis aussieht, wobei Wunschvorstellung und Tatsachen sich bei meinem Abschluss-Plädoyer in etwa die Waage halten!

Diese und viele anderen Prüfungsdialoge gehen mir noch mal durch den Kopf, als ich längst draußen sitze auf meiner absoluten Lieblingskanzel, hier am Schweineställchen. Da steht nämlich eine rustikale und von der Größe her sehr annehmliche Kanzel und etliche Sauen, meistens Keiler, habe ich hier gestreckt. Es ist wohl auch die älteste Sau-Kirrung hier in unserem Revier. Denn ein eingegrabenes Tonrohr als Vorratstrog dient, so glaube ich, seit etlichen Jahren als Leckertisch für unser/mein liebstes Revier-Standwild, den Sauen.

Immer wieder dreht sich der mittlerweile etwas böige Wind und meine größte Befürchtung, dass er meinen Geruch hinunterträgt, direkt zur Kirrung, da hin, wo auch meistens die Sauen aus dem Bestand heraus anrücken. Ich ducke mich zusammen und mache mich klein, krümme mich fast schon unter die Brüstung der Schießscharten auf der Kanzel und spiele auf meinem Handy „Bubble Braker“. Immer wenn ich wo auf Warteposition bin und es passt, spiele ich irgendwas auf meinem Handy. Jetzt und hier habe ich meine Ohren scharf gestellt und spielend warte ich, was sich tut!

Im Säuseln des böigen Windes vernehme ich rechts von mir ein Knacken, da zieht aber leider auch der Wind hin. Noch mehr ducke ich mich und lasse den Wind nicht ran an mich. Meine Augen können gerade so über die Brüstung schauen; ich inspiziere die Kirrung und den Fahrweg, der hierher zur Kanzel führt. Immer und immer wieder ist das Knacken zu hören, es muss noch weiter weg sein. Die Minuten vergehen, es ist längst nicht mehr hell, der Mond ist abnehmend und die Sicht schon sehr schlecht, jetzt, so kurz vor halb elf.

Die anrückenden Sauen haben noch keinen Wind von mir. Da, schon wieder typische Anwechselgeräusche: Holz bricht, aber nichts ist an der Kirrung - Kam das Brechen von rechts? Oder doch von weiter unten? Plötzlich schepperts an der Kirrung, der Stein auf dem Deckel ist heruntergepoltert. Vorsichtig erhebe ich mich - und da sehe ich sie. Herauf äugt eine große, wohl einzeln ziehende Sau! Und ich hinunter, ich glaube sie weiß, dass da oben ihr Feind sitzt oder sitzen könnte. Sie lässt mich, oder das was sie gerade noch von mir wahrnehmen kann, nicht aus den Augen.

Langsam und zögerlich ziehe ich meinen Repetierer herauf, spanne ihn gleich und warte, bis die Sau da unten irgendwas tut, was meine Situation verbessert. Sie steht spitz da und äugt herauf; Sekunden vergehen und, ich glaube es fast nicht, sie dreht sich etwas, ich riskiere einfach, dass sie mich bemerkt und gehe in Anschlag. „Bumm“, und das .30-06 Geschoss donnert seinem Ziel entgegen.

Ob sie zeichnet, sehe ich nicht mehr. Auf jeden Fall ist minutenlang ein grobes, lautes Gepolter zu hören, hinunter in den Bestand. Viel zu lange denke ich mir, das gibt’s doch nicht, ich hatte sie doch absolut im Absehen.

Voller Spannung packe ich mein Zeugs und baume ab, erstmal gleich zum Anschuss. Es ist dunkel, ich konzentriere mich – „Wo hat sie gestanden?“ – „Wo ist der Kugelriss?“ – „Wo sind abgeschossene Borsten und die Schalenabdrücke?“ - Hols der Teufel, ich finde nichts, keinen Schweiß. Verdammter Anfänger, warum passiert mir das, es muss doch Spuren geben. Eine geschlagene Dreiviertel-Stunde suche ich herum, umsonst.

Dann hole ich Moni, meine deutsche Drahthaar-Hündin vom Auto und, Stummelschwanz wedelnd, folgt sie mir auf Fuß zum vermeintlichen Anschuss auf der Sau-Kirrung. Sie sucht nicht lange herum und zieht an der langen Leine, hinunter in den Bestand. Kreuz und Quer geht’s, dann wieder ein paar Meter weiter nach unten. Nach vielleicht 5 Minuten verharrt sie an einem kleinen am Boden liegenden Hölzchen, ich komme dazu und sehe ein verschweißtes kleines Buchenästchen mit dunkelrot getränkten Schweiß.

Gott sei dank, wir sind auf Spur und jetzt schon etwa 30 Meter unterhalb der Kirrung. Dann drängt Moni wieder hinauf, ich versuche sie abzurufen; kann doch wohl nicht sein, dass die Sau wieder hinaufgewechselt ist? Irgendwas hat meine Moni verleitet, noch einmal zum Anschuss zurückzukehren. Oben setze ich sie nochmal an und sie folgt ihrer eigenen Fährte wieder nach unten, ich breche Zweige umherstehender Bäume, natürlich achte ich drauf, keine Terminaltriebe abzubrechen. Ich muss wieder hierher finden, jetzt ist es kurz vor Mitternacht und stockdunkel. Meine Taschenlampe hat keinen Strom mehr, heute kommt auch wieder alles zusammen. Die Batterien reichen einfach nicht für ein so langes Herumirren in der Dunkelheit, nur meine Stirnlampe leuchtet noch.

Plötzlich traue ich meinen Augen nicht: Moni steht etwa 60 Meter unter der Kirrung an einer großen Buche und ich schaue auf einen gewaltigen hellroten Schweisspritzer auf dem Stamm - in fast einem Meter Höhe. Da durchzuckt es meinen Körper: Habe ich das nicht schon mal erlebt, genau hier vor etwa zwei Jahren, einen Riesen-Keiler hat’s damals erwischt. Vorsichtig nehme ich meine Moni kürzer an die Leine und ein paar Schritte hintereinander suchen wir weiter. In der rechten Hand liegt mein R93 ohne Zielfernrohr. Der schwache Schein meiner Stirnlampe sucht herum. Emsig ist Moni auf Spur, dann geht es hinein ihn eine kleine Fichtendickung, ich lasse die Leine länger und folge ihr vorsichtig, aber noch weiter unten geht’s wieder hinaus aus der unübersichtlichen Dickung.

Da vorne liegt irgendwas Graues unter einer großen Buche, auch Moni hat das Gesehene im Fokus: Zielstrebig zieht sie drauf zu und ich bleibe stehen und spanne meinen Stutzen. Nichts tut sich, ich komme näher, bin schon heran und erschrecke noch mal. Da liegt eine große Sau, ein Keiler und ich sehe keinen Treffer, ist er an einem Herzinfarkt gestorben? Nachdem ich ihn angestoßen habe mit meinen Stiefeln, drehe ich ihn herum und sehe den tödlichen Einschuss, oder ist es womöglich der Ausschuss? Aber klar, auch Schweiß fließt nicht nach oben und auf die Seite, wo der Keiler zum Fallen kam, ist seine Schwarte rot verfärbt, ein guter Treffer gleich hinter dem Blatt ist das Zentrum des Schweißausflusses.

Moni und ich freuen uns sehr und sie rupft andauernd an des Keilers Schwarte herum. Ich fange an zu Grübeln, wie bekomme ich diesen „Bassen“, der sicher mehr als 100 Kilo wiegt, ins Auto? Mir bleibt nicht anderes übrig, als hinunter ins Tal zu fahren und meinen Revierchef Andreas zu mobilisieren. Ich stehe vor seiner Jagdschule und klingle ihn heraus, ans Handy geht er nicht. Da geht die Tür auf und Andreas steht etwas schlaftrunken im Rahmen - und aufgeregt versuche ich, ihm die Situation zu erklären. Überlegung hin, Überlegung her, Andreas ruft einfach seinen Nachbarn Wolfgang an, der hat noch nie nein gesagt. „Gott sei dank“ und „schwupp diwupp“ sitzen wir alle in Andreas‘ Toyota und auf mir nicht unbedingt bekannten Schleichwegen erreichen wir schnell unser Ziel, die Sau-Kirrung an der Schweineställchenkanzel.

Wolfgang lässt seinen Jagdhund "Odin" frei und ich laufe mit ihm hinunter, einfach meinen gelegten Wegweisern nach, den umgeknickten Zweigen und sogleich stehen wir vor dem toten Keiler.

Andreas wartet oben und orientiert sich nach unserem Lichtpegel, er will mit seinem Landcruiser herunterkommen, also schräg den Abhang queren. Ich bin gespannt, wie er das macht. Schon sehe ich seine Rückfahrscheinwerfer herankommen; gnadenlos fordert Andreas wieder mal alles von seiner Geländekiste und seinen Fahrkünsten. Bis auf 10 Zentimeter kommt er heran, an den Bassen und Wolfgang und ich heben ihn hinauf auf den Transportkorb, der einfach an die Anhängerkupplung montiert nur etwa 20 Zentimeter Bodenfreiheit hat und los geht’s runter ins Tal, um die Beute zu versorgen

Aber weit kommen wir nicht, nach 10 Meter rutscht der Toyota an einem mit Moos überwucherten Totholzstamm entlang den Abhang herunter, kritisch nahe an stehende Bäume heran, noch kann Andreas seine Karre halten, aber der Boden ist nass und ein Vorwärtskommen schier unmöglich.

Aber einem Berufsjäger gehen da die Ideen noch lange nicht aus, einfach die eingebaute Seilwinde abgewickelt und schon ziehe ich den Haken rauf entlang der Fahrspur, um das Seil an parallel stehenden Bäumen fest zu machen. Andreas‘ geübtes „Timing“ mit dem Seilwindenmotor und dem Gaspedal ermöglicht ein langsames, aber sicheres Vorwärtskommen, dort hinauf, etwa 150 Meter, wo ich schon schwer befürchtete, den geschossenen Keiler hinauf tragen zu müssen.

Wolfgang steht mitten drin und gibt Kommandos, etwas gefährlich für ihn, aber die Technik, hält was sie verspricht, und in etwa einer Stunde haben wir unser Fahrzeug und unseren Keiler hinaufgewunden, auf den ausgebauten Fahrweg. Zuletzt noch die Kardanwelle von einem großen verkeilten Ast befreit, fahren wir dann runter ins Tal nach Wiesensteig.
 
112 Kilo bringt der Keiler auf die Waage und ich danke noch mal unserem Herrn, dass ich so viel Glück hatte, um schon wieder auf einen solchen Koloss zu treffen. „Danke, danke lieber Gott“ - und danke dem schwäbischen Revier hier in Wiesensteig und seinen Männern, die mir immer mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Mit freundlichem Waidmannsheil von
Karl Holzinger.

Wiesensteig, im Oktober des Jahres 2010.


Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok