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Der Perückenbock aus Roberts Revier


Es ist Mittwoch, 06. Oktober 2010, ein schöner lauer Frühherbsttag, und ich schicke mich am frühen Abend an, noch einmal nach dem vermeintlichen Perückenbock zu schauen, der seit geraumer Zeit in unserem Revier für allerhand Gesprächsstoff sorgt - zumindest zwischen mir und dem Revierpächter, Robert Of, nachdem ich ihm schon vor etlichen Monaten von der Existenz dieser Seltenheit erzählt hatte.

Spät nachts, von einem erfolgreichen Sauansitz auf Heimfahrt - ich hatte gegen 23 Uhr eine kleine Rotte Sauen mit 6 Frischlingen im Anblick - fuhr ich herunter von der Bergwiese in Richtung Pferdekoppel und hinaus auf die Verbindungsstraße, die hinüber nach Krumbach führt.

Auf halbem Weg, schon unten in Richtung Pferdehof, springt mir ein etwas komisch aussehender großer Bock vor das Auto und verschwindet im angrenzenden Maisfeld. Gerade noch kann ich sein dickes, etwas verquollenes Gehörn erkennen: Mein erster Gedanke war, dass irgendeine Art von Geflecht, Zaun oder Drahtrest sich in seinen Gabeln verfangen hat. Ich denke mir noch, bei nächster Gelegenheit dem Revierpächter Robert von dieser Begegnung zu erzählen.

Die Gelegenheit ergab sich bald. Robert kam ein paar Tage später vorbei und brachte mir das präparierte Gehörn meines ersten in seinem Revier geschossenen Rehbocks, montiert auf einem schönen handgeschnitzten Brett. Ich erzählte ihm sogleich von der mysteriösen Begegnung.

„Ja, das weiß ich schon“, sagte er: „Uwe, unser ortsansässiger Mitjäger hat ihn auch schon gesehen.“ Es stellte sich im Gespräch heraus, dass es sich um einen sogenannten Perückenbock handelt. Robert warnte mich dann noch ausdrücklich davor, in dieser Ecke zu schießen, da dort viele Pferde auf den Koppeln stehen - und beinahe fröstelnd, was da alles passieren könnte - hakte ich diese Begegnung erstmal ab.

Nun sitze ich hier auf einem mitgebrachten Klappstuhl und starre auf eine grüne Wand vor mir, ein großes Maisfeld neben dem Pferdehof. Denn Robert hat von dem ansässigen Pferdezüchter erfahren, dass unser seltener Bock abends hier seine Runden dreht. Nachdem ich diesen Pferdezüchter persönlich kennen gelernt habe, erhielt ich von ihm die Erlaubnis, genau hier zu sitzen. Ich schaue leicht geblendet von der noch hoch am Himmel stehenden Sonne hinüber zum Maisfeld. Es ist noch früh, erst in zwei Stunden wird es dämmerig und meine Gedanken verlieren sich.

Noch vor wenigen Wochen, am letzten Tag vor meiner Abreise nach Russland, saß ich weiter oben auf einer Ansitz-Leiter und hoffte, ihn hier zu Gesicht zu bekommen und ich wunderte mich ein wenig, dass Robert diesen seltenen Bock auch mir, dem Revierneuling, zum Abschuss freigegeben hat. Nichtsdestotrotz dachte ich so für mich, dass der Bock wohl seinen Habitat und Einstand drüben im angrenzenden Forst hat - und da sind ja auch Jäger hinter ihm her, also was soll’s, ich versuche einfach mein Glück. Dieser Abend war etwas diesig und es nieselte ab und an. Mit meinem Fernglas fuhr ich alle vor mir liegenden Wiesenränder ab und längst hatte ich ausgekundschaftet, wie weit mein mögliches Schussfeld reicht, um die weiter unten stehenden Pferde nicht zu gefährden. Ein eingebauter Entfernungsmesser im Fernglas leistet dabei die entsprechende Hilfe.

Plötzlich kommt tatsächlich im letzten Dämmerlicht weit unten ein Rehbock auf die Wiese, begleitet von einer Geiß, und - ich fasse es nicht - beim genauen Hinschauen durchs Glas ist er es: Der vermeintliche Perückenbock. Ich sehe ihn nun zum zweiten Mal. Gleich gehe ich in Anschlag, aber er ist nur mehr ein grauer Klumpen, der sich da in meinem Absehen abbildet und die Entfernung? Nein, es ist zu weit, er steht unten am Wegrand, über 250 Meter entfernt, und gleich dahinter grasen auch Pferde, denn da ist eine Koppel des Pferdehofes.

Da verschwindet das Objekt meiner Begierde auch schon wieder samt der Geiß im Maisacker und ich bleibe verdutzt noch eine Weile wartend sitzen auf dem Leitersitz. Es macht aber keinen Sinn mehr länger zu bleiben, denn es ist bereits stockdunkle Nacht. Des andern Morgens rufe ich Robert an und erzähle ihm alle Einzelheiten meiner nächtlichen Begegnung. In meinem Kopf fasst sich sogleich der Gedanke: „Jetzt kann ich ihn endgültig abhaken, meinen Perückenbock, denn in fünf Wochen, wenn ich erst wieder aus Russland zurück bin, wird ihn Robert oder einer seiner Profijäger längst gestreckt haben“.

Aber wie das Leben so spielt, kam es anders. Schon wieder eine Weile aus Russland zurück, melde ich mich bei Robert und erfahre sogleich, dass trotz laufender Bemühungen keiner unserer Jäger den Perückenbock zu Gesicht bekommen hat. Außer dem Pferdehofbesitzer, der will ihn am helllichten Tag hier auf einer Anhöhe neben dem Maisfeld in Nähe seines Gehöftes bereits gegen 17 Uhr, also schon Stunden vor der Dämmerung, herumspazieren gesehen haben. Und deswegen sitze ich jetzt auch hier…

Aber ich glaube dem nicht so recht! Hat der Bock wirklich seinen Einstand gewechselt in dieses Maisfeld? Niemand außer mir hat ihn je hinein- oder heraus-wechseln sehen. Aber er war doch da - im Gespräch beim Pferdezüchter wurde mir eindeutig beschrieben, wie der Perückenbock ausgesehen hat. Langsam versinkt die Sonne hinter mir am Horizont und ich fasse kurzfristig den Entschluss hinauf zu wechseln, auf den Leitersitz, wo ich ihn schon mal bestätigt hatte.

Schnell packe ich zusammen, der Wind ist hier plötzlich auch gegen mich gerichtet und mit meinem Seifenblasentest sehe ich, wie der Wind sie hinüberträgt, die kleinen Blasen, in Richtung dahin, wo der Bock für gewöhnlich aus dem Maisfeld heraustreten sollte, zumindest nach der Theorie unseres Grundstücksbesitzers und Rangers des Pferdehofes.

Ich lasse den Jagdrucksack einfach unter dem Sitz liegen und baume hastig auf, es ist schon duster und ich denke, das wird sowieso nichts mehr heute. Ich richte mein Glas auf die Wiesenränder: Nichts ist da, außer den Umrissen der Pferde, die weit unten auf der Koppel noch ziemlich gut zu erkennen sind.


Jetzt schicke ich meiner Freundin eine SMS und teile ihr mit, dass ich bald daheim sein werde, als im Augenwinkel eine Bewegung auf der unter mir liegende Wiese auszumachen ist. Ich schaue genauer hin und da ist in der Tat mein Rehgespann wieder zu sehen. Mit dem Glas erkenne ich eindeutig den Perückenbock mit seiner Geiß. Ich kann es kaum glauben, so ein Glück. Sofort wechsle ich vom Fernglas zu meinem Repetierer und versuche, den Bock ins Absehen zu bugsieren. Aber: Was ist das da im rechten Augenwinkel?

Nachdem ich die Vergrößerung wieder auf das Zweifache heruntergedreht habe, erfasse ich drei weitere Rehe auf der Ackerfläche, die allesamt auf dem frischen jungen Kleeacker, neben dem Maisfeld, äsen. Jetzt wird es spannend, der Perückenbock zieht schnell weiter in Richtung Maisfeld, die Geiß mit ihm, und unter den drei weiteren Rehen in dessen Nähe ist noch mal ein Bock, etwas schwächer im Körperbau.

Schnell wird es duster, man sagt „im letzten Büchsenlicht“, und ich konzentriere mich auf meinen Perückenbock, der Gott sei dank seines Kopfschmucks wegen von anderen gut zu unterscheiden ist. Den R93 zur Schulter herangezogen und den rechten Arm zwischen den Leitersprossen geklemmt, schaue ich noch mal hinunter in den möglichen Schusskanal. Etwa 200 Meter ist der Bock entfernt und auch weiter unten erkenne ich keine stehenden Pferde auf der angrenzenden Koppel.

Jetzt oder nie! Der Schuss bricht die Stille und mein Bock zeichnet, bilde ich mir jedenfalls ein. Beim genauen Hinsehen ist die Wiese oder der Kleeacker aber plötzlich vor mir leer.

Ich baume ab und kann es kaum erwarten, runter zum Anschuss zu kommen. Nachdem ich mein Gepäck geschultert habe, mache ich mich auf den Weg. Es ist bereits dunkel und mit meiner Taschenlampe versuche ich den Anschuss hier auf dem riesigen Feld zu finden. Aber wo stand der Bock nun genau? Noch weiter unten, oder doch näher am Maisfeld? "Hols der Teufel", ich finde den Anschuss nicht und schon suche ich am Rande des Bestands herum, denn da flüchtete mein Bock ja wahrscheinlich zurück, auf der bekannten Ein- und Auswechselspur und da geht’s über Stock und Stein. In der beginnenden Buschvegetation hoffe ich irgendwo abgestreiften Schweiß zu finden.

Aber nichts, nichts ist zu sehen und schon beginne ich am sicheren Schuss zu zweifeln. Nach einer halben Stunde hole ich mein Auto und lasse meine Jagdhündin Moni suchen. Schnurstracks läuft sie auf dem Acker nach unten, immer weiter in Richtung Koppel, plötzlich zerrt sie an etwas und ich fasse es nicht, es ist mein Bock, der einfach in eine andere Richtung geflüchtet war. So weit unten am Wegrand habe ich ihn nicht vermutet - Gut getroffen ist er da, etwa 50 Meter vom Anschuss entfernt, zusammengebrochen.

Ich freue mich mit Moni und nach einem ausgiebigen Begutachten meiner Beute schicke ich meinem Revierpächter Robert und unserem Jäger Uwe eine SMS mit dem Wortlaut: "Der Perückenbock ist Geschichte, Gruß Karl".


Robert kommt tags darauf vorbei und macht ein paar Fotos von dem im Kühlschrank "schlummernden" exotischen Rehbock. Ich frage ihn, ob ich den Bock mit seiner Trophäe tatsächlich behalten darf und dass ich gerne ein Kopfpräperat anfertigen lassen würde.

Ich schaue in das ehrliche Gesicht von Robert und bemerke, dass es ihm nicht so leicht fällt, aber seine kurze Antwort ist: "Klar, du hast ihn geschossen und du kannst ihn behalten." Dass es sich um eine absolute Rarität handelt, erfahre ich erst, als ich ihn zu meinem Präparator Herbert Wilfer nach Ulm- Illerkirchberg bringe, der hat in den letzten 30 Jahren nur drei solcher Exemplare zu Gesicht bekommen und freut sich mit mir über den speziellen Auftrag.

Neu-Ulm, im Oktober 2010
mit freundlichem Waidmanns Heil
von Karl Holzinger


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