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Das schöne Bärbel vom Ziegelhof


Eine heimatgeschichtliche Erzählung von Lehrer Schmölz, Kettershausen 1897

I.

Man schrieb den 14. Oktober des Jahres 1825. Auf dem althistorischen Marktplatze der sogenannten „Schmiedebruck“ zu Babenhausen herrschte reger Fuhrwerksbetrieb. Die Bauern kamen an diesem Tage aus der ganzen Umgebung mit ihrem Korn angefahren; es war Schrannentag. Gleich einer Schlange standen die Fuhrwerke bis weit die Wintergasse hinauf und die Stadtgasse hinunter an, bis sie endlich vor das Schrannentor gelangten und die Bauern ihr Getreide abladen konnten, um dafür harte Silbergulden in Empfang zu nehmen. Der Günzbauer von Breitenthal, schimpfte weidlich über das lange Anstehen: „Mit Dreschflegeln sollte man die faulen Schrannenknechte klopfen. Ist’s nit genug, daß man schon am frühen Morgen seinen Heider einspannen muß, um an die Schranne zu kommen und jetzt soll man da noch stundenlang warten.

Bei derer Hitz! Kruzitürken!“ „Hast Recht, Günzbauer!“ stimmte der vor ihm kommende Ziegelhofer zu, „soll man zu allem Anstehen sich noch den Magen ausdörren lassen. Komm‘ mit, wir laufen dem „Bären“ zu, wo wir wenigstens unseren Durst löschen können!“ „Laß mir’s nit zweimal schaffen; ich geh‘ mit, Ziegelhofer. Nur soll Dein Junge auch mein Fuhrwerk betreuen“ meinte der Günzbauer. „Abgemacht“ man soll nit immer flagen und flennen, sondern handeln!“ Und unmittelbar darauf schritten die Beiden dem genannten Gasthaus zu, während der junge Ziegelhofer, ein stämmiger Busch von 17 Jahren, bei den beiden Fuhrwerken blieb, bis sie zum Abladen an der Schranne ankamen.
Als der kleine behäbige Bärenwirt die beiden frühen Gäste kommen sah, stach er sofort ein frisches Faß Bier an. Solch‘ gute Kunden wollten auch gut bedient sein. Die beiden Gäste hatten bereits ihren Krug Gerstensaft hinter der Binde, als sie vom Fenster aus ihr Fuhrwerk an der Schranne sahen. Sie begaben sich sogleich auf den Schrannenmarkt und nachdem das Geschäft dort abgewickelt war, gingen sie wieder in den „Bären“ zurück, woselbst sich schon die große Stube mit Gästen halb gefüllt hatte. Der Ziegelhofer ließ nun für sich und seinen Buben einen großen Teller Kuttelfleck auftragen und nachdem der Junge sich satt gegessen hatte sagte er ihm: „Jetzt fahr‘ nur heim, auf mich brauchst nit zu warten. Sagst der Mutter, daß ich den Schloßvogt wegen der großen Steinlieferung heut‘ in Babenhausen erwarte und daß ich vor Abend nit heimkomm!“

Der junge Ziegelhofer spannte alsbald an und ein lustig Liedlein pfeifend gings im gemächlichen Gaulschritt der Heimat zu. Nicht weit von der Stelle, wo der Günzfluß aus dem weiten Wiesental in vielen Krümmungen dem bewaldeten Höhenrücken zustrebt und sich eine Strecke lang an diesen anschmiegt, war die Heimat des Ziegelhofer, so benannt nach seinem Zieglerberufe und weithin bekannt wegen seiner guten Steine. Zum „Bären“ klopfte der Ziegelhofer mit zwei Bauern seinen Tarock, als er plötzlich durch einen leichten Schlag auf den Rücken in seinem Spiel gestört wurde. Er schaute um und erblickte in dem Ruhestörer den von ihm erwarteten Schloßvogt. Der Ziegelhofer sagte erfreut: „Gott zum Gruß, Herr Vogt, werd‘ Euch nit lange warten lassen und sogleich zu Diensten sein!“

Er bat den neben ihm sitzenden Schöggele, für ihn weiter zu spielen und begab sich mit dem Vogt ins nebenanbefindliche Herrenstüble. Als sich Beide am Honoratiorentisch niedergelassen hatten, wurde sofort auf die geschäftliche Sache eingegangen und meinte der Vogt schließlich: „Soll alleweg das Geschäft zustande kommen, muß der Ziegelhofer mit dem Preis wohl heruntergehen!“ „Hab‘ Eure Meinung nit,“ wandte der Ziegelhofer ein, „meine Hütte ist zu einem schnellen Gewinn nit stark genug. Lieber keine Arbeit, als solche die sich nit lohnt!“

„Da geb‘ ich Euch Recht, Ziegelhofer. Nit so war’s vermeint, daß ich Euch drücken will, denk aber, daß ein Gescchäft von solchem Umfang schon eine gute Ueberlegung verdient. Nachdem mit dem großen Bau vor nächsten Sommer nit angefangen wird, hätte doch der Ziegelhofer eine weite Spanne Zeit, die Arbeit so einzuteilen, daß er mit der Lieferung in keinen allzu großen Druck kommt. Euer Gestein ist gut gebrannt und hat einen reinen Klang, darum kam ich ja zu Euch. Ziegelhofer schlagt ein in dieses Geschäft, es kann Euren Ruhm nur stärken!“ „Ist justament kein Sonderlob“, entgegnete der Ziegelhofer, „setz‘ doch alleweg meinen Stolz darein, daß Lehm und Ofen ein Gestein erzeugt, so landauf und landab nit leicht zu finden ist.“ Und ehrgeizig geworden, fügte er bei: „Damit ich aber Euch dienen kann, soll der Tausendpreis um achtzig Kreuzer niederer sein.“ Der Vogt war damit schließlich einverstanden, nachdem beim Ziegelhofer nicht mehr zu erreichen war. „Harter Bauernschädel!“ dachte sich derselbe im Stillen und setzte laut dazu: „Ziegelhofer, hier ist der Vertrag zur Unterschrift und die ausbedungene Summe als Vorauszahlung!“

Es brauchte noch eine ziemliche Weile, bis endlich der Ziegelhofer das Dokument, das er lange und bedächtig studierte, mit seinem Namen versah. Das Geld nahm er dankend entgegen. Es schien, daß auch der Vogt mit dem abgeschlossenen Geschäft zufrieden war. Die Beiden saßen noch eine Zeit plaudernd beisammen und ließen sich den Roten, den der Ziegelhofer auf seine Kosten aufmarschieren ließ, vorzüglich schmecken, bis endlich der Vogt seinen Rappen satteln ließ: „Will mich nit zu weit in den Nachmittag einlassen, wo das Gesindel überall lauert. Laßt das Feuer im Ofen nit mehr ausgehen, Ziegelhofer, verdoppelt Eure Anstrengungen. Das Jahr ist bald um, dann müssen Steine her, Fuhre um Fuhre –Adjes! Auf Wiederseh’n!“

Und schon saß der Vogt hoch zu Roß und ritt eilig aus dem Hof, seinem entfernten Wohnsitz entgegen. Der Ziegelhofer ging wieder in die Gaststube und gab dem Bärenwirt, der zugleich Geldvermittler von Babenhausen war, einen großen Teil der erhaltenen Summe verzinslich in Verwahr. „Ziegelhofer, Du stinkst ja mächtig von den blanken Gulden, die der Fremde auf den Tisch gezählt!“ Mit diesen Worten empfing ihn der Günzbauer, nachdem sich der Ziegelhofer bei ihm niedergelassen hatte. „Laß‘ Dich nit lumpen, wir haben einen Bärenhunger und einen Riesendurst!“ „Wie sollt‘ ich denn nit,“ meinte der Ziegelhofer treuherzig, „sind denn wir nit gute alte Freunde und Bekannte, die nit darben sollen, wenns dem Ziegelhofer gut geht. Heda, Bärenwirt, öffne Deinen Keller und laß Bier und Wurst auftragen, daß die Bäuche platzen!“ Die splendide Hand des Ziegelhofers war bekannt und da wollte alles Freund zu ihm sein, wenns etwas gab. Dafür wurde er auch hochgefeiert und und angeprost. Das Ende war ein „Kapitalrausch.“ So war der Ziegelhofer recht froh, als ihn bei eingetretener Nacht der Günzbauer auf sein Bernerwägel plazierte und ihn bis Kettershausen mitnahm, von wo der Ziegelhofer dann schwankenden Schrittes heimtorkelte. Der Empfang war kein freundlicher; die Ziegelhoferin ließ alle Register ihrer Schmipfiade springen, doch ihr Ehegespons hatte kein großes Interesse an dem Lamento seiner Gemahlin und lag bald in Morpheus Armen. Mit schwerem Kopf erhob sich der Ziegelhofer andern morgens von seinem Lager. Mürrisch ging er an die Arbeit, nachdem es vorher noch ein heftiges Scharmützel zwischen den beiden Ehegatten abgefetzt hatte.

Im Drange der Arbeit war aber bald alles vergessen; der Ziegelhofer war ein Schaffer, denn außer der Ziegelei hatte er noch eine Landwirtschaft, die ihn viel in Anspruch nahm. Seine Söhne waren hauptsächlich in der Ziegelhütte und Grube beschäftigt, während die Tochter des Ziegelhofers, wegen ihrem stattlichen Wuchs und ihres herrlichen Haares im Volksmund „das schöne Bärbel“ genannt, der Mutter in Küche und Haushalt und wenn es notwendig war, auch bei den Feldarbeiten. Das schöne Bärbel war von den Burschen umschwärmt und besonders beim Tanz eine viel begehrte Tänzerin; es war keine Seltenheit, daß sich die Burschen wegen ihr, besonders bei Tanzgelegenheiten, gegenseitig eifersüchtig befehdeten und einander in die Haare gerieten. Da war es manchmal gut, daß sie in ihren Brüdern Schutzpatrone hatte, welche die Raufhändel schlichteten und das Bärbel gut nachhause brachten.

II.

Es war einer der ersten schönen Maientage; neugierig streckten die Frühlingsblumen ihre Blütenkelche den goldenen Sonnenstrahlen entgegen, die Wiesen zeigten ihr helles, das Auge erfeuende Grün und aus dem zarten Blattgrün der Sträucher und Bäume sprangen die Blütenknospen. Einen herrlichen abwechslungsreichen Anblick bot das weite Günztal, durch welches der Günzfluß gleich einem verschlungenen Silberband sich hindurchzog. Im Hintergrunde zeigten sich die noch schneebedeckten Berge der Alpen und schienen so nahe, als wären sie in einigen Stunden zu erreichen. All diese Naturschönheiten sah trunkenen Auges das schöne Bärbel, als sie von ihrer Base in Inneberg kommend, ihren Gang wieder nachhause machte. Als sie außerhalb Oberschönegg einen Teil des Weges erreichte, der zu beiden Seiten mit Flugholz und niederem Gestrüpp bewachsen war, erschrack sie nicht wenig, als plötzlich zwei wildaussehende Burschen vor ihr standen. „Ei, wohin, so eiligen Schrittes, du holdes Frühlingsblümelein?“ sprach einer der Burschen das Mädchen an.

Ein wenig errötend, gab sie Antwort ihm: „Nach dem Ziegelhof führt mich der Weg, hab‘ in meines Vaters Auftrag die kranke Base in Inneberg besucht, um nachzuschauen, wie es ihr ergeht.“ „Ei, ei, Du schöne Sameriterin, so komme auch zu uns in unser Nest‘ das wir da unten im Tal zurecht gemacht, sei unser Schätzelein und wenn auch nur für eine Nacht.“ Der freche Bursche hielt das zu Tode erschrockene Mädchen eng umschlungen und versuchte es auch zu küssen. Doch da gab sie dem Frechling einen kräftigen Schlag. Nun griff auch der zweite Bursche ein; ohne etwas zu sagen, packten nun Beide das sich heftig wehrende Mädchen und schleppten es durch das Gebüsch in den dunklen Wald hinein.

Auf der gleichen Straße, die das schöne Bärbel gegangen und das Opfer eines gemeinen Ueberfalls geworden, kam gemessenen Schrittes ein stattlicher Mann: er trug die kurze hirschlederne Hose, graue Lodenjoppe und vollbepackten Rucksack mit umgehängter Pistole. Auf dem Kopf, dessen ernstes gebräuntes Gesicht ein schwarzer Schnurrbart schmückte, saß keck ein grüner Hut mit wehender Spielhahnfeder. Der Wanderer mochte gegen die dreißig Jahre alt sein und kam aus dem Oesterreichischen, woselbst er viele Jahre den Soldatenrock trug und als Korporal seinen Abschied nahm. Nun seine Dienstzeit zu Ende, zog es ihn wieder mit Allgewalt in die Heimat zurück. Heimatluft und Maienduft umwehten den freudetrunkenen Wanderer; er hub frohgemut vor sich ein Liedlein zu singen an. Als er den alten Römerturm erblickte, ging er lustig auf diesen zu und bestieg denselben. Von dessen Zinnen aus bot sich ihm ein prächtiger Blick in die schöne maiengrüne Landschaft. Tiefer Friede lag über dem Ganzen. Uebermannt von Freude und Lust fing er mit seiner kräftigen Stimme zu jodeln an und gespannt horchten die gefiederten Sänger auf diesen fremden Gesang.

Doch mit einemmale ändert sich das friedliche Bild; aus dem dunklen Tannenwald huschte ein verscheuchtes Reh und aus nicht allzugroßer Entfernung drang ein gellender Hilferuf an sein Ohr. Nach kurzer Zeit wiederholte sich der Hilferuf in erschreckender Weise. Da litt es ihn nicht länger mehr auf dem Turm; er entnahm seinem Rucksack die geladene Pistole und ging der Stelle nach, woher der Hilferuf kam. In einer Waldlichtung erblickte er zwei Burschen, die ein wehrlos gemachtes Mädchen mit sich den Abhang hinunterzogen und auf dasselbe mit ihren Fäusten einschlugen. Als die Banditen den fremden Mann sahen, rief ihm einer entgegen: „Scher er sich augenblicklich zum Teufel, wenn ihm sein Leben lieb ist; wollen nit han, daß er seine Knochen am jüngsten Tag zusammensuchen muß!“

Doch der Fremde ging mutig vor und blieb dann ruhig stehen, indem er sagte: „Scheint mir, daß just zu rechter Zeit ich gekommen, euer Vorhaben scheint nit so zu sein, daß Hilfe nit vonnöten wäre!“ „Halt‘ er sein loses Maul, wenn ein widerspenstig‘ Weib davongelaufen ist und eingefangen wird, um es ihrer Häuslichkeit wieder zuzubringen!“ Als Bärbel laut auffschrie und die Aussagen des Burschen lügen zeihen wollte, da versetzte ihr der Rohling einen heftigen Schlag auf den Mund und als der andere Bursche mit einem dicken Knüppel auf den Fremdling zuging, da schrie dieser ihm entgegen: „Drei Schritt vom Leib, wenn Dir Dein Leben lieb ist!“ Mit diesen Worten hielt ihm derselbe die Pistole entgegen: „Und augenblicklich gebt ihr das Mädchen frei und löst ihm die Fesseln! Für sicheres Geleit ist gesorgt!“

Da aber die Banditen keine Miene machten, dieser Aufforderung nachzukommen, sondern das arme Mädchen weiter mit sich zogen, da hallte plötzlich ein Schuß durch die Stille des Waldes. Erschreckt ließen die Burschen von ihrem Opfer ab und verzogen sich fluchtartig in das Gehölz. Im Nu war der Fremde bei dem Mädchen und durchschnitt rasch die Stricke, mit dem es gefesselt war. „Habt innigen Dank, vieledler Herr, für Errettung aus schwerer Not!“ Helle Dankeszähren flossen von den Wangen des schönen Mädchens.

„Wißt nit, warum die Jungfer mir danken sollt, tat nit mehr als Christenpflicht; doch nun sagt; wie kommt sie in die Gewalt dieser Menschen?“ Das Bärbel erzählte in ihrer unbefangenen Art von dem Gang zur Base und von dem Ueberfall und der Verschleppung in den Wald. „Ist ein gefährlich Ding, sich bei jetziger Zeit allein über Land zu begeben. Will mir die Jungfer wohl erlauben, daß ich sie weiter des Wegs begleite?“ „Wenns dem Herrn beliebt!“ erwiderte schüchtern das Mädchen, „ich kann’s dem Herrn nit verbieten.“ „Ich möchte aber,“ fuhr er schmeichelnd fort, „daß die Jungfer mir meine Begleitung nicht nur verbietet, sondern erlaubt, …. daß sie es sogar gern sieht, wenn ich bei ihr bin.“ Sie warf ihm einen raschen Blick zu, aus welchem etwas von ihrer angeborenen Munterkeit aufleuchtete.„So geschwind,“ setzte sie hinzu, „schießen bei uns die Jäger nit‘!“ „Ich bin zwar kein Jäger, aber doch wieder ein solcher auf besondere Weis“ sagte er: Darum möchte‘ ich auch gern wissen, wo die Jungfer daheim ist und wie sie heißt.“

„Der Herr wird’s doch nit kennen wenn ich’s auch sag‘ …. es ist ein gar kleines Oertel, nit weit von Kettershausen, wohin wir bald kommen werden. Es liegt nur eine Stund‘ unterhalb Babenhausen.“ „Kettershausen?“ rief der Fremde freudig erregt. „Ei, das ist wohl ein liebes freundliches Dörfel! Das kenn‘ ich gut!“ – „Ist das wahr?“ rief sie mit unverhohlener Freude. „Der Herr kennt unser Dörfel und es gefällt ihm dort?“…. „Ich bin dort gewesen als Bub!“ antwortete er zögernd, „bin lange Jahre schon fort, war weit draußen in der Welt, drunten im Ungarischen und in Oesterreich, wo ich viele Jahre Soldat war, aber es ist mir doch fest in Erinnerung geblieben. …. Und das Haus, wo die Jungfer daheim ist“, fragte ihr Begleiter, „will sie das nit sagen und auch ihren Namen dazu?“

„Der Herr wird das Oertel kaum wissen, ich bin auf dem Ziegelhof daheim …. mein Name ist Bärbel und bin des Zieglers Tochter!“ ….„Des Ziegelhofers Tochter ….das schöne Bärbel!“ rief er freudig überrascht aus und drückte ihre beiden Hände: „Bärbel – du?! So laß‘ Dich grüßen in der Heimat. Laß‘ Dir Willkommen sagen von einem alten Bekannten, von einem alten Freunde Deines Bruders Franz. Bin als Bub viel in den Ziegelhof gekommen, warst damals noch ein kleines Mädel, aber ein wildes Ding, das sich immer zu uns Buben gesellte. Kannst Dich erinnern, wie einmal beim Nußbrocken ein großer Wildhund Dich niedersprang und ich Dir helfend beistand und mich schützend vor Dich stellte. Und als ich Dich weinend heimbrachte, da hat mich Deine Mutter, die mich nie leiden konnte, schimpfend fortgejagt.“ ….

„Jetzt bin ich im Bild ….wenn nicht alles trügt, ist der Herr des Küfers Sohn Thomas!“ „Ja … so ist es, Bärbel …. Ich bin der Thomas, der nach vielen Jahren wieder heimkehren will zu Vater und Mutter, um ihnen Stütze ihres Alters zu sein.“ …. Das unverhoffte Wiedersehen bereitete auch dem Bärbel eine fast unbändige Freude; sie schmiegte sich vertrauensvoll an ihren Begleiter an und sagte: „Es freut mich sehr, daß ich den Herrn Thomas kennen gelernt hab‘ und ihn begrüßen darf als erste in der Heimat. Franz hat schon viel erzählt von ihm, wie sie damals zum Krebsfangen gingen und ihre Beute redlich mitsammen teilten; er hat sich oft beim alten Küfer nach Thomas erkundigt. Bin früher oft in das Häusl des alten Küfers gekommen der uns Kindern immer so nette Schäflein schnitzte und schenkte. Doch jetzt heißt es nit mehr viel mit dieser Arbeit, das Augenlicht hat ihn verlassen und die Küferin ist auch ein altes gebrechliches Leut geworden. So freut’s mich auch für diese, daß ihr Sohn wieder in der Heimat ist!“ Als Thomas und Bärbel den waldbestaudenen abschüssigen Hohlweg passierten, kamen plötzlich die zwei bekannten Burschen mit einem mächtigen Prügel bewaffnet auf sie zu. Sie hatten es auf Thomas abgesehen, den sie niederschlagen wollten; Thomas zog die geladene Pistole hervor und gab zunächst auf einen der beiden Banditen einen Schuß ab, der ihm die Hand zerschmetterte.

Im nächsten Moment sauste aber der vom anderen Burschen geschwungene Prügel auf Thomas nieder und verletzte denselben schwer am Hinterkopfe. Der Angreifer wolle sich nunmehr auf die zu Tode erschrockene Bärbel stürzen. In diesem Augenblicke krachte ein Schuß. Thomas hatte ihn nur als Schreckschuß abgegeben, da er das Lebwen des Uebeltäters nicht gefährden wollte. Dieser Schuß aber genügte, denn dieser nahm sofort Reißaus und eilte seinem im Walde verschwundenen Komplizen nach. Dankbar drückte Bärbel ihrem Retter die Hand und sagte: „Als Gefahr mir drohte, hast Du zweimal mich gerettet, warst Beschützer mir und mußt nun noch für mich leiden. Hab‘ Dank dafür und lohn’s der Herrgott, was Du an mir getan!“ „Ist nit der Rede wert, Bärbel, komm‘ laß uns ans Wasser eilen, kann so nit weitergeh’n!“ meinte Thomas.

Sie gingen der nahen Quelle zu, wo Bärbel die stark blutende Wunde sorgfältig auswusch und verband. Der schwere Hieb, der Thomas halb betäubte, machte sich allmählich in rasenden Kopfschmerzen bemerkbar und es war gut, daß sie bald Babenhausen erreichten, wo er sich zur Heilbehandlung ins Spital begeben mußte.
„Wird Gefahr nit mehr leicht drohen, so Du auf offener Straße bleibst!“ meinte Thomas beim Auseinandergehen. „Grüß´‘ mir Deinen Bruder Franz, geh‘ auch zu meinen Leuten und sag‘ ihnen Gruß und baldiges Wiederseh’n. Nun, behüt‘ Dich Gott, Bärbel, bis wir gesund uns wieder treffen im Heimatdörfel!“ ….
Thomas bekam nach einigen Tagen zu seiner größten Freude den Besuch seiner Mutter, die ihn nach so langer Trennungszeit innig begrüßte. Er litt immer noch viel unter heftigen Kopfschmerzen und Fiebererscheinungen, die seinen Zustand sehr bedenklich machten. Thomas tröstete die besorgte Mutter mit den Worten: „Ein alter Soldatenschädel geht nit leicht in die Binsen. Hat im Feuerkampf schon anderen Hieben getrotzt. Macht Euch nit unnötig Kummer, Mutter. Grüßt von mir den Vater! Auf baldig‘ Wiedersehn in der Heimat!“

Der freche wiederholte Ueberfall der beiden Burschen wurde durch die Gerichtskommission nach den Aussagen Thomas zu Protokoll genommen. Gendarmen und Fangknechte nahmen alsbald die Verfolgung auf. Die ganze Gegend wurde nach den Tätern abgesucht. Zu der Heuhütte beim Römerturm fand man nach einigen Tagen den Angeschossenen tot vor; er war dem eingetretenen Wundstarrkrampf erlegen. Sein Komplize war verschwunden; doch auch diesen ereilte bald das verdiente Schicksal; er wurde bei einer Einbrecherbande in der Mindelheimer Gegend aufgegriffen und ins Gefängnis eingeliefert ….Nach zwölf Tagen konnte Thomas das Spital verlassen. Mit verbundenem Kopfe hielt er bei dunkler Nacht seinen Einzug in das Elternhaus, wo er herzliche Aufnahme fand.

III.

Es war eine Zeit reger Bautätigkeit. Viele neue Häuser entstanden anstelle der alten baufälligen Hütten, die zusehends verschwanden. Im Ziegelhof herrschte Hochbetrieb. Das gute Lehmvorkommen auf seinem Grunde war weithin bekannt. Die gebrannten Steine zeichneten sich durch ihre klingende Härte aus. Das war der Stolz des alten Ziegelhofers, der am Ofen hantierte. Es war eine schwere und ungesunde Arbeit. Müde und abgehetzt kam er allmählich spät ins Bett. Oft klagte er den Seinigen: „Es geht bald nit mehr, muß aufhören. Verspür‘ soviel Schmerz im Gedärm und arge Müdigkeit in den Knochen!“

„Solltest Dich nit soviel anstrengen, Vater“, sagte eines Tages sein Sohn Franz, „hab‘ Dich schon oft gebeten, Du solltest Dir mehr Ruhe gönnen und den Ofen meiden!“ „Als wenn ich dies nit ohnehin schon täte!“ erwiderte der Vater. „Benütz jede freie Zeit zum Ausrasten auf dem Hüttenbänklein …. hat aber alles soviel Eile. Weißt ja, auf was es ankommt. Schon die nächsten Tag‘ werden wieder die Gespanne im Hofe sein und müssen gleich wieder ihre Ladung bekommen. Der Vogt ist erbittert, daß wir mit den vereinbarten Lieferungen im Rückstand sind, ist zum Kotzen!“ „Freilich, Vater, da hat er schon Recht. Hab’s ja immer gesagt, daß wir die große und eilige Lieferung nit leicht bewältigen können. Hättest den Vertrag mit dem Vogt nit abschließen sollen!“

Der alte Ziegelhofer erwiderte auf den Vorwurf seines Sohnes nichts. Er preßte nur wieder die Hände an den Unterleib, um die Schmerzen zu mildern; Franz war bereits auf dem Wege an seine Arbeitsstätte. Von Beiden unbeachtet, war ein Mann mit verbundenem Kopfe in die Ziegelhütte eingetreten und stand zuhörend auf der Schwelle der offenstehenden Tür. „Jesus, Maria!“ schrie der Alte bei seinem Anblick erschreckend auf. „Was ist denn das für eine Spitzbubenart, uns hier zu belauschen? Warum geht der Herr nit ins Haus hinein?“ Der Fremde trat in die Ziegelhütte und legte seinen Spenser ab.

Er gab die Antwort: „Wird‘ mich hier wohl zurecht finden, wo ich als Bub soviel gespielt!“ Lachend trat er zum alten Ziegelhofer, der ihn vom Kopf bis zum Fuß musterte, ihn aber nicht erkannte. Dann winkte er auch dem Franz herbei. „Ja, Grüß Gott, wird‘ nit wahr sein …. Der Thomas!“ rief dieser freudig aus und streckte ihm beide Hände zum Willkomm‘ entgegen. Bärbel hat uns schon Botschaft gebracht von Deinem Kommen, von dem Ueberfall und Deinem Beistand!“ Nun mischte sich auch der alte Ziegelhofer in die Begrüßung und drückte ihm freudig die Hände: „Ist’s wirklich wahr …. Du …. Der Thomas! So sei mir herzlich gegrüßt in der Heimat, bist ja ganz fremd geworden bei uns! Komm‘ nun mit ins Haus, wirst wohl viel zu erzählen haben von Deinen Fahrten durch die Welt!“ Thomas schloß sich den beiden Ziegelhofern an. An der Haustürschwelle stand die Ziegelhoferin; mit unfreundlichem Blicke betrachtete sie den stattlichen Ankömmling und war nicht wenig erstaunt, als sich ihr Thomas vorstellte. Sie bot ihm nur zögernd und widerwillig die Hand zum Gruße; der bittere Groll, den sie auf den alten Küfer schon seit vielen Jahren hatte, schien in ihrem Innern wieder neu aufzuglimmen und so hatte Thomas nicht mit Unrecht das Gefühl, daß er in diesem Hause wenigstens vonseite der Ziegelhoferin auf keine große Gastfreundschaft zu rechnen hatte.

Alles hatte in der freundlichen Stube am großen Eichentisch Platz genommen, nur Bärbel, von Thomas im Stillen ersehnt, fehlte. Thomas erzählte nun den gespannt Aufhorchenden von seinen vielen Wanderfahrten durch die Welt, von seinem jahrelangen Soldatenleben und seinen Erlebnissen in Griechenland, wo er in den Reihen der philhellenischen Freischaren, die in Westeuropa geworben waren, mitkämpfte. In Ehren konnte er den Soldatenrock wieder ausziehen, nachdem er es in österr. Diensten bis zum Korporal gebracht hatte.Forschend ließ er beim Erzählen seinen Blick durch die Stube gleiten, aber Bärbel, der sein stilles Sehnen galt, ließ sich nicht blicken. Hätte er aber geahnt, daß zwei Augen sich förmlich durchs Schlüsselloch bohrten und am Meinwenig geöffneten Türspalt zwei Ohren dem Gespräch lauschten, so hätte er wohl im stillen gejubelt.

Und nun brachte der alte Ziegelhofer das Gespräch auf seine Tochter: „Thomas …. Du hast als braver Bursch gehandelt …. Gott lohn’s Dir …. Werde es mein Leben lang nit vergessen was Du an Bärbel getan hast! Mutter dank‘ auch Du ihm, daß er Dein Kind so tapfer beschützt hat!“ Da konnte auch die Ziegelhoferin nicht anders, als ihm Dank zu sagen mit den Worten: „Hab‘ Dank dafür, Thomas. Hast in Deinem Beistand ein gar übles Andenken abbekommen, wird Deiner Gesundheit nit von Schaden sein was ich hoffen und wünschen möchte.“„Hätt‘ anders ich gehandelt, wär ein erbärmlicher Kerl gewesen. Ein schwaches Mädchen in der Gewalt dieser menschlichen Bestien zu lassen! Und wenns mir auch den Kopf gekostet hätt‘ und den letzten Blutzstropfen, um Eure Tochter zu retten!“

„Bist ein guter Christenmensch!“ erwiderte bewegt der Ziegelhofer, „Soll Dir auch gut gehen Dein Lebtag!“ ….Auf Geheiß des Vaters kam nun auch endlich Bärbel in die Stube. Sie errötete über und über, als sie Thomas die Hand zum Gruße gab und ihn nach seinem Befinden fragte. Belustigt erwiderte ihr Thomas: „Müßt kein alter hiebfester Soldatenschädel sein. Das bischen Brummen wird schon noch verstummen in der schönen Heimat!“ Ein vielsagender Blick aus seinen Augen ließ Bärbel neuerdings erröten. Sie dankte ihm nochmals für seine Hilfe mit dem Wunsche baldiger völliger Genesung …. Nachdem er sich verabschiedet hatte, verließ er mit Franz den Ziegelhof. Sie gingen zusammen an die trauten Plätze, wo sie als Kinder gespielt. Alte liebe Erinnerungen an die Jugendzeit stiegen aus der Versenkung und machten so das erste Wiedersehen der beiden Jugendfreunde zu einem frohen Erlebnis.

IV.

Der Winter war gekommen und wieder vorüber gegangen, der ‚Frühling verstreute seine abfallenden Blüten und alle Anzeichen verkündeten einen baldigen nahenden Sommer. Das günstige Wetter war ein guter Gehilfe am Ziegelhof, wo lebhafte Tätigkeit sich entfaltete. Gesundheitlich war der alte Ziegelhofer nicht mehr besser geworden; ihm oblag jetzt hauptsächlich die Feldarbeit, seit er die Anstrengungen am Brennofen nicht mehr leisten konnte. An seine Stelle trat sein Sohn Franz, der ein tüchtiger verlässiger Schaffer war ….

Der alte Küfer klagte dem Ziegelhofer gegenüber wiederholt sein Leid, daß es in seiner Werkstatt mit der Arbeit recht mager aussehe und Thomas sich daher gern auf den Ziegelhof verdingen würde. „Oder soll der Bub‘, der kaum heimgekommen, wieder hinaus in die Fremde und die Eltern allein lassen in ihren alten Tagen?“ schloß der Küfer sein Klagen. „Sell nit, sell gewiß nit“ meinte der Ziegelhofer, „Wie wär’s, wenn Thomas zu uns in die Ziegelhütte käme, wie auch Franz immer meint?“ Und so ist’s denn auch gekommen. Trotz dem Wiederstand der Ziegelhoferin wurde Thomas als Ziegelknecht aufgenommen und verdiente im Akkord als Former einen schönen Lohn, den er allwöchentlich freudig seiner Mutter aushändigte. Er behielt für sich nur soviel Geld, was er zu seinem persönlichen Bedarf an Tabak und einigen Glas Bier an den Sonntagen notwendig brauchte.

Es war ein Sonntag. Die Ziegelhoferin war mit ihren Söhnen zum Gottesdienst nach Kettershausen gegangen. Bärbel blieb zuhause beim kranken Vater, den sie betreute, aber auch für das Mittagmahl zu sorgen hatte. „Bärbel, lange schon wollte ich reden mit Dir,“ redete sie ihr Vater an. „Sage mir, drückt Dich ein stilles Leid oder hast du sonst einen Kummer? Bist nit mehr wie früher, verstummt ist Dein helles Lachen, das Sonnenschein im Hause war und das mich stets erfreute! ….“ Die so Angeredete starrte eine Weile düster zu Boden und sagte: „Weiß selbst nit, Vater, wie es gekommen ist. Oft drückt’s mich schwer im Herzen, als ob eine Zentnerlast darinnen liegt …. Und erst dann, wenn ich weinen kann, wird’s wieder leichter mir. Ist’s Eure Krankheit, Vater, die Angst, daß ich Euch verlieren muß….“

Lachend deutete der Vater mit dem Finger: „Oder Ist’s vielleicht doch ein anderer Grund …. Bärbel, Bärbel, Du hast das Lachen verlernt, seit Thomas im Hause ist …. wills nit hoffen, daß an ihn Dein Herz verschenkt. Bist eine gute Tochter, hast mir noch keine böse Viertelstunde bereitet in Deinem Leben ….vertrau‘ Dich mir auch jetzt an und sag mir, was Dich drückt.“ Die Stimme versagte ihm vor Erregung. Bärbel trat zum Vater, legte weinend ihr Haupt an seine Brust und stammelte: „Guter Vater …. Geb’s Gott, daß Ihr bald wieder gesund werdet, gebet mir die Hand, will Euch hinaus führen in den schönen Sonntag, die warme Sonne wird Euch gut tun!“
„Bist eine gute Tochter, die ihren Vater in Ehren hat …. soll Dir auch gut gehen Dein ganzes Leben! Hab‘ mir’s freilich anders vorgestellt, al so dahinsiechen, aber wir müssen tragen, was uns der Herrgott schickt und wenn’s auch noch so schwer. Und wenn ich drüben lieg auf dem Gottesacker, vergiß mich nit. Du bist brav und fleißig und hast auch ein gut Gesicht. Wirst auch einen braven Mann bekommen. So Gott will. Nun geh‘ wieder an Deine Arbeit und laß mich hier sitzen, die Luft tut mir so wohl.“

Stöhnend ließ sich der Ziegelhofer auf der Bank nieder und preßte krampfhaft seine Hände auf den kranken Leib. Als die Mutter mit den Söhnen vom Kirchgang heimgekehrt war, trug Bärbel die von ihr zubereitete Mahlzeit auf. Es wurde wenig gesprochen. Alle waren bedrückt von schweren Sorgen, die im Ziegelhof durch die schlimme Krankheit eingekehrt. Bärbel brachte dem Vater kräftige Fleischbrühe. Er aß aber nur wenig davon und verlangte nach Bettruhe …. Anderntags kam der Vogt angefahren; er verlangte ungestüm nach dem Ziegelhofer. Ihm gingen die Lieferungen viel zu langsam, er pochte auf seinen Vertrag und machte dem jungen Ziegelhofer die schwersten Vorwürfe; er drohte in scharfen Worten mit Abzug am vereinbarten Preise.

Als man ihm eine persönliche Aussprache mit dem kranken Ziegelhofer verweigerte, fluchte er gottsjämmerlich und brüllte wie ein losgelassener Stier den jungen Ziegelhofer an. Franz war derart eingeschüchtert, daß er sich nichts mehr zu sagen getraute. Nun aber trat Thomas vor den Vogt und wendete trotzig ein:
„Laßt es jetzt genug sein, Herr! Euren Auftrag in allen Ehren! Daß Ihr aber den kranken Ziegelhofer auf eine solchen Sündenart plagt und malträtiert, ist nit vonnöten! Habt allweg noch Eure Steine bekommen, so Ihr die Gespanne geschickt!“ …. Der Vogt maß den Sprecher vom Fuß bis zum Kopf und schrieb ihn grob an:
„Ist’s so weit schon gekommen, daß auf dem Ziegelhof ein simpler Knecht solch‘ anmassende Sprach‘ führen darf?“

„Jawohl, Herr Vogt“, erwiderte Thomas, „ich bin nichts anderes als Knecht auf dem Ziegelhofe und will auch nichts anderes sein ….Ihr seid aber auch nichts anderes, Herr Vogt …. nur einen hohen Titel habt Ihr. Euer Interesse Euer Herrschaft, wohlan, auch ich will nichts anderes als das Interesse meiner Herrschaft!“ Der Vogt schäumte vor Wut. Nun legte sich die hinzukommene Ziegelhoferin in die Händel der Beiden und wandte sich wütend Thomas zu: „Geh er augenblicklich an die Arbeit …. soweit sand wir doch nit …. daß ein hergelaufener sich in so frecher Weis‘ in unser Geschäft mengt!“ ….

Und zum Vogt gewendet, sagte sie mit unterwürfiger Stimme:„Verzeihet, Herr Vogt! Laßt uns das nicht entgelten. Wahr ist leider, daß der Ziegelhofer krank und elend ist und das Aufstehen nit vermag. Wenn’s nit immer klappte mit den Lieferungen, dann wird’s jetzt anders werden, werde jetzt selbst in der Hütte nach dem Rechten sehen und wenn’s nötig wird, auch die Peitsche schwingen!“ …. Und nun schrie mit lauter Stimme die Ziegelhoferin den Arbeitern zu: „Vorwärts ihr langweiligen Trödler, an die Arbeit, schaut nit so dumm in den Tag, als ob ihr den Lehm fressen müßt …. schafft lieber darauf los, damit wir die Steine hinaus bringen!“
Franz verzog sich stillschweigend an seinen Arbeitsplatz; Thomas hatte eine Erwiderung auf den Lippen, sprach sie aber besser nicht aus. Das resolute Auftreten der Ziegelhoferin flößte dem Vogt gewaltigen Respekt ein; diese Frau imponierte ihm. Er war wieder die Freundlichkeit selber und verabschiedete sich mit vielen Worten der Entschuldigung über sein Auftreten.

Mit dem besten Wunsche für die baldige Genesung des kranken Ziegelhofers schwang er sich aufs Pferd und galoppierte davon …. Schon am nächsten Tage rollten vier Gespanne an, die vollbeladen noch am gleichen Abend vom Ziegelhof abgehen konnten.

V.

Der alte Ziegelhofer lag schon seit zwei Monaten drüben im stillen Bergfriedhof zu Kettershausen. Er hat es nicht mehr lange getrieben seit jenem Tage, an welchem der rabiate Vogt ein böses Wetter über den Ziegelhof gebracht. Man hat beim braven Mann alle Ehren an seinem Begräbnis erwiesen, sogar der Vogt fand sich ein und keiner von seinen vielen Freunden, darunter auch der Günzbauer von Breitenthal, hat gefehlt. Auf dem Ziegelhofe ging es seinen täglichen Gang; die Lieferung für den ungeduldigen Vogt konnte mit aller Anstrengung rechtzeitig zu Ende geführt werden. Man war recht froh, daß damit die große Schinderei ihr Ende erreichte …. Michaeli fiel auf einen Sonntag; das herrliche Herbstwetter veranlaßte Thomas zu einem Spaziergang nach Matzenhofen. Das dortige „Brüderle“ war ein Vetter von ihm, den er einmal besuchen wollte.

Thomas befand sich halbwegs im Walde, als Bärbel unverhofft auf ihn zukam. „Ei, ei, Bärbel, diese Ueberraschung!“ rief Thomas freudig erregt aus und drückte ihr fest die Hände. „Führt Dich der Weg gewiß auch nach Matzenhofen, wohin ich gehe?“ Ein wenig errötend gab sie Antwort ihm: „Erraten, just den gleichen Weg ich mache! Mutter hat mich zur Gnadenmutter geschickt. Ist gerade nicht gut beieinander. Soll beten für baldige Gesundheit!“

„Dann laß mich mit Dir beten, Bärbel, bist ja mein treues Schätzelein!“ Eng umschlungen gingen nun die Beiden durch den Wald dem Gnadenort zu. Auf einem niederen Laubbaum saß ein geschäftiges Finkenpaar. Durch die beiden Menschenkinder in ihrer Ruhe gestört, flogen sie mit einem fast ängstlichen „witschwitsch“ auf und davon. Bärbel zeigte auf das Nest, das sie im Geäst erblickte:„Wie gut hat’s doch so ein Vögelein. Freut sich des herrlichen Sonnenscheins, singt frohe Lieder, baut sich selbst sein Häuschen und führt sein Weibchen heim ins sonnige Nest. Sein Feld ist die Welt – doch was trennt uns Menschen alles von einander, welch‘ hohe, fast unübersteigbare Mauern stehen zwischen diesem und jenem und wie weit entfernt ist der Arme von dem Reichen, der Hohe von dem Niederen. Und doch sind wir alle wieder gleiche Menschen, vom gleichen Gott geschaffen.“ „Doch sind die Menschen auch verschiedener Art“, wendete Thomas ein, „nur die sich gleich fühlen, halten zusammen und arbeiten miteinander. Und so, Bärbel, wollen es auch wir halten, jetzt und immer in unserem ganzen Leben!“

Ein langer inniger Kuß war die Bekräftigung des eben Gesagten. Und als sich die Beiden wieder auf dem Rückwege befanden, da meinte Bärbel: „Und nun geh‘ einen anderen Weg, Thomas, man weiß nit, ob wir so nit besser tun!“ „O, warum soll ich nit bei Dir bleiben; entweichen tut man nit, wenn man jemand gern hat. Bärbel, sag‘ mir’s doch: ich möchte es gar zu gern hören von Dir …. sag’s endlich heraus, daß Du mich gern hast!“ „Wenn Du mich gern hast“, drängte das Mädchen, „so geh‘ einen andern Weg!“ …. Und plötzlich rief Bärbel bestürzt aus: „Um Gottes Willen, die Mutter“ Siehst Du sie da unten auf dem Weg daherkommen! Eil Dich Thomas …. die Mutter darf uns nit beisammen sehen …. jetzt noch nit!“ „So will ich gehen und mich heimwärts in die Büsche schlagen, aber um das Eine bitt‘ ich Dich: Leg‘ auch der Mutter nahe, daß wir uns lieb haben und daß sie den Grimm, den sie unbegreiflich gegen mich schon seit Kindheit hegt, endlich aus ihrer Seele reißen möge!“
„Will alles versuchen, Geliebter! Und morgen abend, wenn ich’s Wasser hole, treffen wir uns wieder am Brunnen! Nun b’hüt Dich Gott!“ Zärtlich drückte sie noch Thomas die Hand; er war dann in einem Seitenweg rasch ihrem Blicke entschwunden.

Das Mutterauge aber war schärfer gewesen, ohne daß es die Beiden ahnten. Sie hatte es just noch gesehen, wie Thomas im Walde verschwand. Die Mutter witterte schon lange Verdacht und begab sich trotz ihres Unwohlseins auf den Weg, den Bärbel kommen mußte. Und als Bärbel das Beisammensein ableugnen wollte, da entgegnete scharf die Mutter: „Und ich bleib‘ dabei und wett‘ meinen Kopf darauf, daß es Thomas war, der Hergelaufene, der nichtsnutzige Vagabund!“ …. „Nein!“, rief entrüstet das Bärbel, „Thomas sieht aus, wie ein rechtschaffener Mensch! Ihr tut ihm unrecht, wenn Ihr anders sagt von ihm!“

„So, so“, spöttelte die Mutter, „wie ein …. rechtschaffener Mensch sieht er aus? Meinetwegen …. aber die Flausen, die Du Dir da in den Kopf gesetzt hast, wird‘ ich Dir austreiben. Läufst als Duckmäuserin herum im Hause, seit dieser Bursche bei uns in Arbeit ist. Willst ein lustig Leben mit einem traurigen verrauschen! Bärbel, ich duld’s nit, daß Du mit diesem Hergelaufenen eine Liebelei unterhältst, die Dich ins Unglück führt!“ …. „Mutter, denkt nit schlecht von Thomas …. er meint es gewiß gut mit mir …. und auch mit Euch. D’rum haltet doch zurück mit Eurem harten Urteil über ihn. Ist er nicht so gut mit seinen alten Eltern …. ist ein braver Sohn …. wie selbst der Pfarrer neulich zu Franz gesagt. Ist ein solcher Mensch keines Vertrauens würdig?“„Geh‘ man nur!“ antwortete ihr die Mutter. „So flötet das Vöglein, - so hat mich meine Ahnung nit betrogen: der Hergelaufene ist also Dein Buhle geworden!“ Inzwischen waren beide am Ziegelhof angelangt und die Mutter befahl mit strenger Stimme: „Marsch, geh‘ jetzt an Deine Arbeit! Müßt nit die Ziegelhoferin sein, wenn ich Dir nit Deine Lustgedanken aus dem Kopfe treiben könnte. Dem Hergelaufenen aber werde ich morgen den Laufpaß geben, der hat nichts mehr zu suchen bei uns auf dem Ziegelhof!“

Bärbel stieß einen jämmerlichen Schrei aus: „Mutter …. haltet ein …. entlassen ….arbeitslos! Mutter, nit so weit treibt es! Thomas hat dies nit verdient, gewiß nit!“ Die Ziegelhoferin aber war im Hause verschwunden; Bärbel blieb mit ihrem Schmerze allein ….

VI.

Thomas war vom Ziegelhof entlassen. Am meisten grämte sich darüber seine Mutter. In der väterlichen Küferei gabs wenig Arbeit und somit auch geringen Verdienst. Thomas hatte mit dem befreundeten jungen Ziegelhofer, als er ihn eines Tages in Babenhausen traf, eine lange Aussprache und meinte dieser treuherzig: „Thomas, reg‘ Dich deswegen nit auf, die Mutter kennst Du ja, es wird auch wieder recht werden, nach Regen folgt alleweg wieder Sonnenschein!“ „Hab‘ auch schon daran gedacht,“ sagte Thomas finster, „ob ich nit wieder den Soldatenrock anziehen soll. Ja wenn’s Krieg gäbe, würde ich mich nit lang besinnen – aber im Frieden Soldat sein, das mag ich nit mehr!“

„Thomas, bleib‘ in der Heimat, im Häusel Deiner alten gebrechlichen Eltern und verlaß‘ sie nit, solang sie noch auf dieser Welt zu leben haben, wird allzulange so nit mehr dauern. Dann kannst Du immer noch die Heimat verlassen und so anders Dein Fortkommen suchen. Und was Bärbel betrifft, rat‘ ich Dir, such‘ sie zu vergessen. Ist keine Partie für Dich und die Mutter wird es doch nie zugeben, daß sie Dein Weib wird!“ …. Eine Weile starrte Thomas in dumpfem Brüten zu Boden, dann reckte er sich in die Höhe und erwiderte verzweifelt: „Ich kann nit, nur das verlang‘ nit von mir, Franz. Ich kann Deine Schwester jetzt nit verlassen, jetzt, wo es mit uns zwei schon so weit gekommen ist. Bärbel wird doch Mutter meines Kindes!“ ….

„Heilige Mutter Gottes!“ rief angstvoll und von Schrecken weiß geworden, der Bruder Bärbel’s aus, „so steht die Sache – und so was muß im Hause meiner Mutter passieren, schrecklich, schrecklich! ….„Ist das so schrecklich, Franz, daß wir Beide uns in einer schwachen Stunde vergaßen. Die Liebe hat uns Beide übermannt. Doch was tut’s, - ist es doch noch reichlich ein halbes Jahr, bis die schwere Stund‘ für Bärbel kommt und bis dorthin möchte‘ ich sie als mein ehelich Weib bei mir im Hause haben. Franz, als alter Freund bitt‘ ich Dich nur um das Eine: Bring’s der Mutter schonend bei und hilf uns, daß sie recht bald einwilligt in unsere eheliche Verbindung!“ …. „Soll an mir gewiß nit fehlen, Thomas. Hab‘ Dich immer geschätzt als Freund und tüchtigen Mitarbeiter im Ziegelhof und bist mir auch als Schwager willkommen. Ob aber die Mutter in ihrer Halsstarrigkeit Euren Fehltritt verzeihen wird, sell glaub‘ ich nit und das macht mir auch die größte Bekümmernis!“ „Hab‘ Dank für Deine gute Meinung!“ sagte gerührt Thomas. „Uebermorgen komme ich zu Dir in die Ziegelhütte und hoffe, daß Du mir eine gute Nachricht geben kannst!“

Als Thomas den Besuch in die Ziegelhütte machen wollte, konnte er zu Franz nicht kommen, da der Vogt auf dem Ziegelhofe zu Gast war, wie er zu seinem größten Ärger sehen konnte. Es handelte sich um eine nochmalige Lieferung von Steinen, wie der Vogt andeutete, aber auch um eine andere Angelegenheit, die er mit der Ziegelhoferin „unter vier Augen“ zu besprechen wünschte. Diese ging mit dem Vogt in das Haus und als sie im Zimmer waren, rückte er gleich mit seinem Anliegen heraus: „Ziegelhoferin Ihr dürft mir meine Bitte nit abschlagen, wenn ich um Eure Bärbel anhalte. Sie soll meine Gemahlin werden. Es ist nit gut, allzulang im Witwerstand‘ zu leben. Wenn ich auch um ein gut Stück älter bin, als Eure Bärbel, so soll dies nichts machen. Werde ihr ein guter Gemahl sein und sie soll als Vogtin schalten und walten wie es ihr beliebt. Wie Ihr ja wißt, bin ich kinderlos und es soll mich glücklich machen, wenn Bärbel mir Kinder schenkt. So gebt als Mutter uns Beiden den Segen!“ ….

Diesen ehrenden Antrag hatte die Ziegelhoferin nicht erwartet; Freudentränen rannen über ihre Wangen. Sie reichte dem Vogt die Hand mit den Worten: „Habt Dank für die große Ehre; an mir soll’s nit fehlen, und ich werde Eurem Glück und dem Glück meines Kindes gewiß nit imWege stehen. Ich werde Bärbel von Eurem ehrenvollen Antrag unterrichten, wenn’s Euch recht ist, sogleich!“ Der Vogt nickte hochbefriedigt, als die Ziegelhoferin Bärbel und Franz ins Zimmer rief, da er sich schon so nahe am Ziele seiner Wünsche wähnte. Als Bärbel erfuhr, um was es sich handelte, da machte sie einen tiefen Knix vor dem unverhofften Freier und sprach:
„Habt Dank für Euren Antrag; Ihr mögt es gut meinen mit mir und das freut mich, wie mich nit leicht was freute in meinem Leben ….“

Der Vogt vermeinte aus diesen Worten das Jawort Bärbels zu vernehmen. Mit Ungestüm wollte er das junge Weib umfassen. Da aber trat Bärbel einen Schritt zurück. „Gemach, vieledler Herr, noch wißt Ihr nit alles. Wollt‘ Ihr mich dann auch zum Eheweib, wenn ich Euch sage, daß ich gesegneten Leibes bin? …. Ein lauter Aufschrei folgte, den die Ziegelhoferin ausgestoßen. Der Vogt ließ seine begehrlichen Blicke kurze Zeit auf die volle Gestalt des schönen Bärbel ruhen, dann sagte er: „Jawohl, auch dann Bärbel. Nur mußt Du die Frucht Deiner Sünde auf dem Ziegelhof zurücklassen!“ ….

Das schöne Gesicht Bärbels wurde kreidebleich, als sie dem Vogt mit bebender Stimme erwiderte: „Und das möchte‘ ich Euch noch zu wissen tun, vieledler Herr, das Geschehene kann ich nit ungeschehen machen und auch Ihr könnt dies nit! Daß Ihr mich zur Dienerin Eurer Lust machen wollt, das könnte Euch wohl passen. Nein vieledler Herr, so wars nit gemeint. Mein Kind soll nit nur wissen, wer seine Mutter ist, es soll auch seinen Vater kennen und lieben, wie es Brauch und gute Sitte ist. Und darum auch Gott befohlen!“ Bärbel verließ nach diesen Worten das Zimmer, das dem abgewiesenen Freier genug sagte. Wie ein begossener Pudel schlich sich der Vogt nach kurzem Abschied von der sprachlos dastehenden Ziegelhoferin und ihrem Sohne aus dem Zimmer und ritt eilends der Heimat zu.

Als Bärbel nach dem Verschwinden desselben wieder zurück ins Zimmer kam, kniete sie als reumütige Sünderin vor der Mutter: „Verzeihet Mutter! Ihr habt mich gewarnt, Ihr sorgtet Euch um mich. Es ist anders gekommen, wie Ihr und ich gedacht. Nur das einzige Wörtel gebt mir mit auf den Weg: „Verzeihung!“ Dann werde ich getrost meines Weges zieh’n, bis mich der Vater meines Kindes in sein Häusl als ehelich Weib zu sich genommen. So lasset mich ziehen in Frieden!“ „Schweig‘, elende Dirne! Ist’s nit genug, daß Du uns soviel Schand und Spott ins Haus gebracht hast, willst noch in dem Sündenschlamm weiter waten und zum Vagabundenmensch werden. He, das würde Dir passen. Im Ziegelhof bleibst Du als Magd, solange ich es haben will. Noch bin ich Deine Mutter und Du hast mir zu folgen, verstanden. Und nun mach‘ Daß Du mir aus den Augen kommst, bevor ich mich an Dir vergreife!“ …. Bärbel drückte sich weinend aus dem Zimmer. Franz versuchte in vielen Worten, die erzürnte Mutter umzustimmen. Es war alles vergebliche Mühe. Düstere Tage kamen über den Ziegelhof. Kein gutes Wörtel kam mehr über die Lippen der Ziegelhoferin, die ein strenges Regiment führte. Trost und Vergessen fanden alle nur in der Arbeit, die im Ziegelhof nicht zu wenig war.

VII.

Eine große Veränderung war mit Thomas vor sich gegangen, besonders, als seine Eltern kurz nacheinander starben. Er hauste nun allein in seinem Stübchen. Was er zum Essen brauchte, das bereitete er sich selbst. Sein scheues Wesen fiel allgemein auf, er mied jede Gesellschaft, wo er doch sonst so gut gelitten war. Von dem Heiratsantrag des Vogt und dessen Abweisung durch Bärbel hatte ihn Franz in Kenntnis gesetzt. Thomas war sehr erfreut über die mutige Haltung Bärbels. Doch die Unmöglichkeit einer ehelichen Verbindung mit Bärbel durch die sture Haltung der Ziegelhoferin lag ihm wie eine Zentnerlast auf dem Herzen. Es stand bei Thomas fest, er mußte fort aus der Heimat und wandern in ein fremdes Land. In einigen Monaten wollte er wieder kommen und vorsprechen bei der Mutter Bärbels. Dieser Plan fand auch bei Bärbel Zustimmung, da sie im Geheimen hoffte, die Mutter mit der Zeit doch noch umstimmen zu können und so nahmen die beiden Liebenden, welche sich von Zeit zu Zeit verstohlen trafen, zärtlich von einander Abschied.

Thomas verschloß sein Häusel und wanderte in einer schönen Sommernacht aus dem Heimatsort. Ohne Rast und Ruh‘ irrte er planlos in der Welt herum, doch nach ein paar Monaten trieb es ihn mit aller Macht wieder in die Heimat zurück. Bärbel lag im schweren Halbschlummer auf ihrem Lager; es mochte gegen Mitternacht sein, als sie plötzlich ein leises Klopfen an ihrem Kammerfenster vernahm. Sie erschrak nicht wenig. Als aber das Klopfen sich wiederholte und Bärbel das Klopfzeichen kannte, da öffnete sie leise das Fenster, - es war Thomas. „Du bist es!“ rief sie schwankend zwischen Zorn und Freude und reichte ihm zum Gruße die Hand und zog ihn zu sich in das Zimmer.

„Thomas, Du bist wieder zurückgekommen und findest zu so später Stunde noch den Weg zu mir?“ …. „Wie sollte ich nit!“ rief Thomas, die Geliebte umarmend und küssend, „mich litt es nit länger draußen in der Welt, ich mußte wieder zu Dir und meinem Kinde. Bärbel, bist Du mir wirklich noch treu und hast mich noch gern?! ….
„Lieber als alles, Thomas, lieber als mein Leben!“ erwiderte sie innig. „O, - weil ich Dich nur wieder habe, - jetzt wird alles noch gut, - für mich und das Kind. Wird‘ jetzt auch den Pfarrer bitten, uns beizustehen, sind wir Beide doch sein Beichtkind und wird den Bittgang zur Mutter gewiß nit scheuen!“ …. „Den auch ich machen werde und zwar gleich morgen. Doch nun begib Dich wieder zur Ruhe und schlaf süß mit dem Kindlein.“

Thomas küßte Bärbel lang auf den Mund und Wange und verließ leis und stille, wie er gekommen, den Ziegelhof. Der sonst sehr scharfe Kettenhund wedelte Thomas freudig zu, als er sich in den Hinterhof schlich, wo Bärbel ihr Zimmer hatte. Andertags stand Thomas erwartungsvoll vor der Ziegelhoferin; er wollte ihr die Hand zum Gruße reichen. „Dem Menschen, der Schand‘ und Spott über den Ziegelhof gebracht, soll ich ein Grüß Gott sagen?“ schrie die Ziegelhoferin den Ankömmling an. „Nein und dreimal nein! Soll eine Mutter vor einem Menschen Achtung haben, der in sündlicher Lust gehandelt hat und ihr Kind reif gemacht hat für den Höllenpfuhl!“ …. „Mutter, ihr habt bitterharte Worte“ antwortete Thomas. „Wir haben uns ja so lieb. Verzeihet, daß wir in einer schwachen Stunde nicht mehr wußten, was wir taten. Wir sind alle sündige Menschen. Doch ich bitte euch kindlich, gebt mir Euer Bärbel zum Weibe, ich verspreche es beim allmächtigen Gott, daß ich euer Kind glücklich machen werde!“ ….

Mit gellender Stimme lachte die Ziegelhoferin auf. „Ha, ha, das könnte ihm passen, die Ziegelbärbel als sein Weib zu bekommen und ihre Batzen zu verlumpen: so einem Tunichtgut, Saufaus und Habenichts!“ …. Mächtig schwollen die Stirnadern des Beleidigten, unheimlich funkelten seine Augen und seine mächtige Gestalt bebte an allen Gliedern, als er erwiderte: „Haltet ein Bärbelmutter, es sind genug der Beleidigungen. Wohl habe ich nicht viel an Geld und Gut, aber der Herrgott hat mir Kraft und Gesundheit verliehen, mit denen ich wohl in der Lage bin, Weib und Kind zu ernähren und der Thomas ist bis heute wenn auch arm, so doch ehrlich und redlich durch die Welt gegangen!“

„So ein Hergelaufener hat allen Grund, sich noch zu mokieren. Scheere er sich hinaus aus meinem Hause, oder ich laß‘ ihn mit dem Hund hinausjagen!“ In ihrer Aufregung schleuderte die Ziegelhoferin den Stuhl, auf dem sie gesessen, Thomas mit einer Wucht entgegen, daß ein Stuhlbein brach. Unfähig, etwas darauf zu erwidern, stand wie festgebannt Thomas auf seinem Platze, bis er schließlich in Weinkrämpfen ausbrach und die Stube verließ. Bärbel, die alles in der nebenanbefindlichen Küche gehört, kam in die Stube herein, fiel vor der Mutter auf die Knie und bat mit aufgehobenen Händen: „Habt‘ Erbarmen, Mutter, mit ihm und mir. Verzeihet uns die Sünde, wie sie uns auch Gott Vater im Himmel vergeben wird …. Bedenket doch, daß Thomas der Vater meines Kindes ist und ehrbar mich zum Weibe will!“ …. „Schweig‘, elende Dirne, die Du bist. Du flennst um Verzeihung, wo Du des Teufels Spielgefährtin bist. Verzeihen soll ich Dir und dem Hergelaufenen! Vielleicht dafür, daß ich die Muhme eines Kindes werden soll, dessen Satansgesicht mich hohnlachend angrinsen wird. Das wisse noch: im ersten Bad wird‘ ich die Sündenfrucht ersäufen und jetzt mach‘, daß auch Du mir aus dem Gesicht kommst, du ehrlose pflichtvergessene Tochter!“ ….

Thomas verfällt dem Wahnsinn. Der unglückliche Thomas irrte seit einigen Tagen im Walde umher; nur kurze Zeit sah man ihn zuhause hantieren. Die ihn sahen, erschraken nicht wenig über sein Aussehen. Wie ein verfolgtes Wild schlich er des Nachts um den Ziegelhof und traf auch zuweilen mit Bärbel zusammen, als sie abends immer an den vom Hause etwas entfernten Brunnen Wasser holte. Sein irres Wesen fiel Bärbel auf. Am 12. September 1827 abends, als die Familie beim Essen war, holte Bärbel wieder frisches Wasser zum Trinken. Thomas hatte sie in der Nähe des Brunnens erwartet. „Bärbel, Du bist mir mehr wert als alles – Du bist mir das Liebste auf der Welt!“ rief Thomas beim Zusammentreffen mit Bärbel aus. „Aber mit Dir gehen darf ich nit. O Bärbel, wenn Du mich wirklich gern hast – wenn Dein Herz nur halb soviel an mir hängt wie ich an Dir …. Dann gibt’s noch einen Ausweg, daß wir nit auseinander müssen! ….

„Was für einen? …. Red‘ …. ich will ja alles tun!“ ….…. „Bleib‘ bei mir“, sagte er zärtlich drängend, „ein Schloß kann ich Dir nit verschaffen, aber Du selbst sollst es gut haben bei mir, wie eine Königin …. nichts soll Dir abgehen, Dir und dem Kind! Du sollst es gar nit spüren, daß Du im Walde wohnst! Bärbel, bleib bei mir, wird‘ mein Weib …. geh‘ nit mehr von mir!“ ….„Nein, Thomas“, sagte Bärbel entschieden, und trocknete sich die Tränen, „das tu ich nit! Ich habe Mitleid mit Dir, als wie mit einem verfolgten unglücklichen Menschen, doch geh‘, verlaß mich jetzt, Du bist krank und weißt nit mehr um Deinen gesunden Verstand!“ ….
Da brach Thomas in ein unartikuliertes Lachen aus, er packte Bärbel mit der Kraft eines Riesen. Der Wahnsinn hatte Thomas umfangen.

Die junge werdende Mutter wehrte sich mit aller Kraft um ihr Leben und das ihres zu erwartenden Kindes. Ihr gellender Hilfeschrei ging aber in der stürmischen Herbstnacht unter. Sie konnte sich aus der eisernen Umklammerung ihres wahnsinnig gewordenen Liebhabers nicht mehr befreien, als dieser ein großes Küfermesser aus seinem Rocke hervorzog und mit diesem auf das unglückliche Opfer so lange einstieß, bis es leblos in seine Arme sank. Der Mörder schleppte nun die Leiche tiefer in den Wald an die Stelle eines dort lagernden Reisighaufens, woselbst er sie aufs Moos legte und ihr mit dem Messer den Kopf vom Rumpfe trennte.
Nach dieser grauenvollen Tat bedeckte er die Leiche sorgfältig mit dem Reisighaufen, wo sie erst nach neuntägigem Suchen entdeckt wurde.

Wie von Furien gepeitscht lief der Wahnsinnige dem hochgehenden Günzfluß zu und stürzte sich in wilder Lust in die reißenden Wellen, die ihn fortrissen und sein Leben nach kurzem Kampfe mitleidsvoll auslöschten. Seine Leiche konnte jedoch, obwohl die Günz nach dem Verlaufe des bösen Hochwassers gründlich abgesucht wurde, nicht gefunden werden und wurde vermutlich von den Fluten in die Donau abgeschwemmt. Ein in der Nähe des schaurigen Tatortes aufgestellter Marterpfahl mit Bild und Inschrift erzählte noch viele Jahre den Vorübergehenden von der furchtbaren Bluttat, die von einem irrsinnigen Liebhaber an seiner unglücklichen Geliebten verübt worden war.

Mit der Niederschrift des Chronisten und dem Abdruck des sogenannten „Bärbel-Liedes“, das von einem Geistlichen verfaßt und noch lange Zeit nach dem Mord in Kettershausen viel und oft gesungen wurde und das der Nachwelt erhalten bleiben soll, findet die Erzählung ihren Abschluß.


∞ ∞ ∞ ∞ ∞ ∞ ∞

VIII.

Aus der Chronik.
Der Mord der schönen Bärbel, Ziegeleibesitzerstochter von Kettershausen am 12. September 1827.

Im Jahre 1805 wurde bei den Zieglerseheleuten in Kettershausen ein Mädchen geboren mit Namen Barbara. Als der Vater starb, mußten die 5 Geschwister, unter denen die Barbara das zweitjüngste war, sehr frühe streng arbeiten, in der Feldarbeit und auch in der Ziegelei, sodaß die Witwe mit ihren Kindern ein gutes Auskommen hatte. Die Barbara genannt das schöne Bärbel, unterhielt mit kaum 22 Jahren ein Liebesverhältnis mit dem Küfersohn Thomas von Kettershausen, das nicht ohne Folgen blieb.

Am 12. Sept. 1827 abends, als sie und ihre Geschwister von der Tagesarbeit müde zum Abendessen gehen wollten, holte das Bärbel am nahen Brunnen Wasser zum Trinken, wie sie es immer tat. Ihr Liebhaber Thomas wartete schon lange auf eine passende Gelegenheit. Wie er sie da kommen sah, rief er ihr in den nahen Wald hinein, wie sie auch befolgte. Sogleich zog er sein Küfermesser und stach auf sie ein, trotz größter Gegenwehr mußte sie den vielen Stichen unterliegen und schnitt ihr zuletzt noch den Kopf ab.

Als sie nicht zum Abendessen erschien, gingen gleich die Geschwister und Mutter suchen, man holte noch die Nachbarn zusammen, aber alles Suchen war vergebens. Am andern Tage wurde ganz Kettershausen zur Suche alarmiert, aber man fand sie nicht.
Erst am neunten Tage fand sie ihr ältester Bruder in der vorderen Waaghalde unter einem Haufen Reisig mit abgeschnittenem Kopfe.

Der Mörder floh in derselbigen Nacht und wurde nicht mehr gesehen. Was aus ihm geschehen ist, weiß der Chronist nicht zu berichten.

 


Das Bärbellied von Kettershausen

O Jugend, die du sicher sich Deiner Jahre freust,
Die Tugend war dir bitter, zur Sünde stets bereit.
Sieh doch den Schmutz der Erde, die Warnung so von mir
Recht schwesterlich dir werde, ins Herz geleget dir:
Ich war in euren Jahren, ihr alle kanntet mich,
Die Welt mit den Gefahren, war für mich nicht ewiglich.
Auf Schönheit, Pracht und Liebe war ich recht wohlbedacht
An Stärke, Wuchs und Zierde stund mir auch keine nach.
Ich wollt‘ daher gefallen und auch geliebet sein,
Bei Lustbarkeiten allen fand ich mich fleißig ein.
Ich schätzte mich recht glücklich weil mir ging gar nichts ab,
Was ich nur immer möglich zur Freud‘ gewunschen hab.
Doch kurz war mein Vergnügen, es dauerte nicht lang,
Ich war bald unzufrieden, mir wurde Angst und bang.
Da fand ich mich ganz blinde und auch geführet an.
Nicht rein war seine Liebe und blind war mein Verstand.
Im Unglück war ich trübe, in allem Trost verbannt.
Die Folter meines Herzens trug ich im Stillen fort,
Ich war ein Kind des Schmerzens an allen End‘ und Ort.
Einst schlug am Tag ich Steine, gewann der Mutter Brot,
War fleißig bei den Meinen und dachte nicht an Tod.
Als wir von Arbeit müde aufs Nachtmahl schön bedacht
Nahm ich das Trinkgeschirre und lief dem Brunnen nach.
Da rief mich eine Stimme schnell in den Wald hinein,
Ich hatte wohl im Sinne, es könnt‘ ein Freund mir sein,
Es war aber ein Tyrann und Mörder für mich hier,
Ich konnt‘ nicht mehr von dannen, die Todesstund schlug mir.
„Ach Freund, mich doch verschone, hast Mitleid keins mit mir,
Soll ich zum Sündenlohne mein Leben geben Dir?
Verschone doch die Unschuld, die dir kein Leid getan,
Nimm wenigstens mich selber der Mutterliebe an!“
Doch fällt er mich mit Wunden und Grausamkeiten an,
Schnitt mir den Kopf vom Leibe und schaudert nicht daran.
Daß er als Doppelmörder, ach werden sollt‘ an mir
Und mich als arme Sünd’rin so schiden wird von hier.
Mein Leichnam blieb da liegen neun ganze Tage lang,
Der Mutter mit den Meinen ward furchtbar Angst und bang.
Man fragt an allen Orten ob niemand mich geseh’n,
Bis endlich mich mein Bruder, ohn‘ Kopf und ganz zerschunden
In einem Haufen Reisig mich so hat aufgefunden.
Die Sünde war mein Schicksal, wird‘ durch dasselbe klug,
Flieh‘ was ich geliebet, bleib Gott getreu und gut.
Die Welt ist ganz erlogen, sie gibt dir schlechten Lohn,
Mich hat sie so betrogen, was hab‘ ich nun davon?
Auf eitlen kurzen Freuden erfolgt ein traurig Ach,
Die Höll‘ mit Weh‘ und Leiden folgt treu der Sünde nach!

 


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